Mit Mozart in Übereinkunft

Ein Glückwunsch zum 35. Geburtstag des Klenke Quartetts

Von FELIX SCHMIDT

Was ist es denn, womit sich das Klenke Quartett den Ruhm erarbeitet hat, in der Ersten Liga der Streichquartette zu spielen?
Vielleicht, weil das Ensemble nur aus Frauen besteht, attraktiven noch dazu? Weil sie miteinander gewachsen sind, dass ihr Spiel so klingt, als käme es von einem Instrument mit sechzehn Saiten? Vielleicht, weil sie ihre Musik in die ganze Welt getragen haben, selbst in so entlegene Städte wie Aşgabat? Oder weil sie mit geglückter Programmdramaturgie und enormer Klangintensität ein Dutzend CDs produziert und dafür Preis um Preis gewonnen haben, beispielsweise mehrfach den Supersonic-Award und sogar den Midem-Classic Award?

Was nun hat das Quartett in die Gipfel-Region gebracht?
Mit einiger Sicherheit ist es sein Mozart-Spiel, das jeden oberflächlichen Glanz vermeidet. Die CDs mit den „Zehn berühmten Streichquartetten“ Mozarts und auch die Gesamteinspielung seiner Streichquintette gelten als Referenzaufnahmen für die Interpretation Mozartscher Kammermusik. Die Quintette wurden von der Musikredaktion der Londoner BBC einst zur „Recording of the Week“ gekürt. Dabei hatten die Spielerinnen, nachdem sie sich, noch Studentinnen an der Musikhochschule in Weimar, zum Klenke Quartett zusammengefunden hatten, beschlossen: „Mozart ist nichts für uns.“ Aber irgendwann legten sie die Notenhefte mit den Mozart-Quartetten doch auf die Pulte – „nur so zum Durchspielen.“ Und haben sich dann „dieser Musik immer offen und aufrichtig gestellt“, sagen die Quartett-Frauen. Noch wichtiger: „wir haben uns auch von überkommenen Hör- und Spielgewohnheiten freigemacht.“ Damit kommen sie jenem Mozart nahe, der, mit seinen großen Streichquartetten, kompositorisches Experimentierfeld betrat, alle bisherigen klangsprachlichen Pfade verließ, alle Konventionen abstreifte und in einer „langen mühsamen Anstrengung“, wie er schrieb, einsame, individuelle Tonschöpfung hervorgebracht hat. Auch das Klenke Quartett hat viel mühsame Anstrengung darauf verwendet, Jahre des Probierens gebraucht, bis es mit Mozart in Übereinkunft kam. Aber jetzt ist dieser Klang der Grundton seines Spiels.

Wer die Möglichkeit hat, dem Klenke Quartett bei Proben zuzuhören und zuzuschauen, erlebt vier Menschen, die mit Tönen leidenschaftlich aufeinander einreden. Jede Phrase eines Stückes wird geprobt und geprobt und gesäubert, bis keine Unreinheit mehr zu hören ist. Die Musikerinnen sind sich der Verantwortung bewusst, dass sie die nur auf vier Stimmen verteilten Töne des Komponisten mit Klarheit und Intimität zur Geltung bringen müssen, damit die Musik in die Seele schlüpft. Dann: in der technisch makellos gespielten Aufführung glaubt man da und dort kleine Funken der Irritation zu vernehmen, etwas momenthaft Unkalkulierbares, Risikohaftes, Unvollendetes zu spüren. Da wird das Werk gleichsam aus der Folie befreit, ins Leben geholt, in unsere Leben. „So eine mitreißende Angelegenheit kann Quartettspiel sein“, fasste das Magazin „Concerti“ das Mozartspiel der Weimarer Musikerinnen zusammen.

Vom traditionellen, klassischen Zentrum aus, von Bach, Mozart, Schubert ging das Quartett, vor allem in den letzten Jahren, häufiger einmal an die Ränder des Konzertlebens. Es nahm vermehrt die „verfemte Musik“ der von den Nazis geächteten und vertriebenen Komponisten und Komponistinnen ins Repertoire und bewahrte sie so vor dem Verbleichen: Musik von Ursula Mamlok, deren Bagatellen das Quartett uraufführte, von Karl Goldmark und Erwin Schulhoff.
Auch die neueste Musik bekam Beständigkeit im Repertoire. Das Quartett setzte sich auch mit der allerneuesten Musik auseinander, gab Kompositionen in Auftrag, an Helmut Schmidinger beispielsweise, an Detlev Glanert und Georg Alexander Albrecht, dessen 2. Streichquartett sie mit der Uraufführung zur Welt brachten.

Als das Frauenensemble im Jahr 2003 die Konzertreihe „Auftakt“ gründete, entsprang das einem Bedürfnis, dass sich schon einige Zeit in den Köpfen der Quartettfrauen rumorte. Bald saßen befreundete Kollegen und solche, die es werden sollten, auf dem Podium des „Auftakt“. Solche Begegnungen bringen nicht nur menschlichen, sondern auch musikalischen Nutzen ein: Ideen für künftige Programme und Inspiration für die eigene Zusammenarbeit.
Dabei kommen Pianisten wie Martin Stadtfeld, Mathias Kirschnereit, der Fünf -Männer – Chor Amarcord, das Auryn-Quartett ins Spiel, aber auch die Schauspieler Axel Milberg, Gudrun Landgrebe und Annett Renneberg, die, bei Auftritten mit dem Klenke Quartett, Musik und Literatur zusammenbringen.
Dass die „Auftakt“-Konzerte in Weimar stattfinden, möchten die Geigerin Annegret Klenke und Beate Hartmann, die Bratschistin Yvonne Uhlemann und die Cellistin Ruth Kaltenhäuser, als Hommage an die Stadt verstanden wissen, in der sie vor fünfunddreißig Jahren ihren Einstand gegeben haben.
Es ist eine Art Zukunftssicherung im doppelten Sinne, dass die vier Quartett-Frauen, allesamt Mütter, mit speziellen Programmen in Konzerten und Schulen Kinder mit den leiseren Tönen der Kammermusik vertraut machen. Die Nachwuchsförderung ist gewissermaßen der Schlussakkord des „Auftakt“ und in die Konzertreihe fest eingebunden.

Eines aber betrübt die Musikerinnen: dass ihre Berliner Humboldt-Soireen, die in der-Heilig-Geist-Kapelle eine Heimat und einen legendären Ruf hatten, im Jahre 2018 eingestellt wurden. Sie haben aber die Hoffnung nicht aufgegeben, bald wieder eine Unterkunft in Berlin für sich und die Musik zu finden. Es muss ja nicht wieder eine Kapelle sein.

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