Wenn Haydn mit den Hörern flirtet

Nordwestzeitung

Gristede - Manchmal zuckt ein plötzlicher Stimmungswandel wie ein Blitz aus einer Musik heraus. Er gewinnt kräftig Gestalt und umarmt die Hörer. Das ist so ein beglückender Moment beim Übergang vom langsamen Satz ins Menuett in Joseph Haydns Streichquartett C-Dur op. 20/2. Er ergreift die vier Frauen des Klenke-Quartetts und das Publikum auf Gut Horn in Gristede.

Nun muss die Musik in diesem Fall die Arme ganz weit in den Saal ausbreiten. Der ist bei diesem Gastspiel der Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft am Donnerstagabend mit 280 Zuhörern nämlich schlicht ausverkauft.

Bis dahin haben Annegret Klenke und Beate Hartmann (Violine), Yvonne Uhlemann (Viola) und Ruth Kaltenhäuser (Violoncello) ohnehin auf hohem Niveau musiziert. Die Vier haben drei Auszügen aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ über die Verdeutlichung der ertüftelten Strukturen hinaus Leben eingehaucht, die Grundfuge II gar zum Swingen gebracht. Und bei Haydn haben sie gleich gezeigt, dass diese Werke aus dem Opus 20 voller Experimente stecken, dass der Komponist 1772 ein Suchender war.

Doch dann eben dieser Moment, von dem an alle unaufhaltsam in einen Sog gezogen werden. Da entsteht aus einem vorher angespannten und konzentrierten Musizieren ganz große Musik. Da zwinkert Haydn plötzlich den Hörern zu, lächelt charmant. Die Musik behält ihr Gewicht, aber sie verliert jede Schwere.

Tief wirkt dieses Glück in der Musik und aus ihr heraus im Klarinettenquintett A-Dur KV 581 von Wolfgang Amadeus Mozart. Zuvor hat Klarinettistin Nicola Jürgensen schon in den drei kurzen Solostücken von Igor Strawinsky gezeigt, welche klangliche Breite, welche farblichen Schattierungen, welche dynamischen Abstufungen und welche atmosphärische Balance ihr Spiel einschließt.

Im Quintett ergreift die Soloklarinettistin des Kölner WDR-Sinfonieorchesters zwar die gestalterische Initiative, webt ihren Part aber sorgfältig in den Streicherklang ein. Dort führt Primgeigerin Klenke mit unauffälliger Bestimmtheit durchs Stimmengeflecht, muss mit ihrem flexiblen Ton nie auftrumpfen. Hartmann und Uhlemann greifen mit den Mittelstimmen die Themen und ihre Abwandlungen mit eigenem Charakter auf. Cellistin Kaltenhäuser setzt markant ihre Schwerpunkte, ohne sich nach vorn zu drängen. Im Wechselspiel der Fünf zwischen Zurückhaltung und Vorwärtsstreben entsteht ein packendes Gleiten zwischen Rückschau und Zukunftsausblick.

Eine sehr persönliche, großartige Darstellung.

Horst Hollmann

NWZ 15.07.2017

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