Vier Musen für Mozart

Rheinische Post | 07.09.2010

In der antiken Mythologie müsste man lang suchen, wollte man einen Schutzgott der Künste finden. Die Musen sind weiblich, sie sind enthusiastisch, fürsorglich, sozial vernetzt, frei von überflüssigem Gezänk und Missgunst (meistens jedenfalls). Zugleich stehen sie, eben weil sie weiblich sind, im Dienst der Ästhetik und deren Optimierung. Und sie wissen heilige Feste stilvoll zu feiern.

Ihre Mozart-Quartette: turbulent, erfrischend, wie ein trefflicher Prosecco. Ihr Tschaikowski: glutvoll und beherrscht zugleich. Ihr Haydn: ein reiner Spaß.

Damit ist, Jahrtausende später, haargenau das Klenke-Quartett gemeint – vier Damen, die von und mit Kammermusik leben, längst international Dienst im Tempel tun und hierzulande mit VW-Bus oder per Bahn anreisen. Mittlerweile gehören sie zu den spannendsten Streichquartetten ihrer Generation. Ihre Mozart-Quartette: turbulent, erfrischend, wie ein trefflicher Prosecco. Ihr Tschaikowski: glutvoll und beherrscht zugleich. Ihr Haydn: ein reiner Spaß. Die Kritiken sind hymnisch – und immer wertvoll, wenn sie auf Inhalt achten, nicht auf Bekleidung.

Tag und Ort der höheren Berufung: 23. Mai 1991, Musikhochschule Weimar. Die Erstsemester Annegret Klenke und Beate Hartmann (Violinen) benötigten für den Pflichtschein im Fach Kammermusik/Streichquartett dringend noch eine Bratsche und ein Cello. Sie waren namenlose Küken und hängten einen Zettel an das Schwarze Brett. Yvonne Uhlemann und Ruth Kaltenhäuser meldeten sich. Erste Probe an jenem 23. Mai. Sie spielten eines der berühmten "Sonnen-Quartette" von Joseph Haydn, Nr. 4 in D-Dur. Ja, die ging dann wohl auch in jeder der vier jungen Damen auf. "Es war eine Art Zwangsverheiratung mit glücklichem Ausgang", sagt Kaltenhäuser im Rückblick mit dem Zwinkern der Glücklichen.

Glücklich sind sie in der Tat, denn es hätte alles anders kommen können, und dann säßen sie jetzt verstreut in Orchestern oder anderswo. Da aber die Sympathie füreinander von der kollektiven Sehnsucht übertroffen wurde, möglichst oft auf möglichst hohem Niveau möglichst schöne Kammermusik zu spielen, blieben die vier zusammen. "Keine hat je ein Probespiel für ein Orchester gemacht", lacht Uhlemann. Und sie hießen einfach weiter so wie auf dem Semesterschein der Hochschule: Klenke-Quartett, nach der ersten Geige.

Vieles vereint sie ohnedies: alle Jahrgang 1972, alle mit musikliebenden Männern und insgesamt neun Kindern, die stolz wie kleine Oskars sind, dass die Mama bisweilen vom Plattencover lächelt. Und sie denken und arbeiten integrierend, also mit der wundertätigen Eigenschaft, Gegensätze produktiv fürs Weiterkommen zu nutzen. Bei den Klenkes gibt es keine Wortführerin und keine, die sich wegduckt. Hier ist jede eine Primaria, auch wenn sie nicht am ersten Pult sitzt.

Ein Leben als Streichquartett, das Gymnastikstunde, Gruppentherapie und Debattierclub in einem ist, darf man sich außerdem als demokratisches Paradies mit absonderlichen Arbeitszeiten vorstellen. Gestern reisten die vier von Diez bei Limburg, wo sie am Vorabend mit dem Pianisten Martin Stadtfeld gespielt hatten, per VW-Bus (Kennzeichen: KYF) nach Cuxhaven; abwechselnd wurde gesteuert, eine Folienkartoffel gab es um 13 Uhr in Köln, "sonst stecken wir später dick im Hungerloch", weiß Uhlemann.

Die Klenkes würden sich zu den spontanen Geistern zählen, aber ihre Wochen sind streng geädert; feste Probentage. Aufnahmen werden auch auf Zugfahrten diskutiert, "natürlich im Abteil". Daneben gibt es so gut wie keine Musik. Der Kellner in Köln schaltete die Lautsprecher gern aus, da die Damen so charmant-zielstrebig darum baten. "Wenn wir zwischen zwei Restaurants wählen können, nehmen wir das ohne Musik", sagt Kaltenhäuser. "Bei uns dudelt ja sowieso dauernd etwas im Ohr", erklärt Uhlemann. Ihre Stücke tragen sie tagelang im Kopf mit sich, takteweise werden sie gedreht und gewendet. Dann will man abends seine Ruhe.

Goethe sagte über das Streichquartett, hier höre er "vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten". Die Klenkes haben sich ihre Gesprächsthemen stets griffsicher ausgesucht. Mozart spielen sie wahnsinnig gern, "obwohl wir zuerst ziemlich Respekt vor ihm hatten", sagt Klenke. "Aber dann hat Norbert Brainin, unser Ziehvater vom Amadeus-Quartett, gesagt, wir sollten doch vor jeder Probe einen Mozart durchspielen – und dann war der uns plötzlich eng vertraut", ergänzt Kaltenhäuser. Derzeit pflegen sie, wie neulich in Krefelds Burg Linn, Schumann und späten Beethoven – sie tun es tiefsinnig und beredt, aber nie affektiert. Ihr Schumann ist ein romantischer Zauberwald mit klassischen Kieswegen, ihr Beethoven (op. 135) eine verflixte Rätselecke, in der Instrumente auch einmal wie trockene Füllfederhalter kratzen dürfen.

Musisch, nicht museal – das ist wohl das Motto der vier Damen, die spieltechnisch keinen Vergleich zu scheuen brauchen, doch über die Kompetenz am Instrument hinaus vor allem als Team harmonieren. "Oft sagen uns Zuhörer, wir hätten wie eine Stimme geklungen", sagt Uhlemann. "Dabei proben wir ja gar nicht alles bis ins Letzte", verrät Hartmann. "Vor einiger Zeit", führt Klenke aus, "haben wir mal wieder einen langsamen Mozart-Satz hervorgeholt, und da war der so schön, dass wir aufgehört haben. Das hätte man nur noch zerproben können."

Kaum zu glauben, dass dieses so jugendlich wirkende Klenke-Quartett schon im 20. Jahr in Originalbesetzung zusammen spielt. Derlei ist bei Quartetten eine Rarität. Diese vier Musen sind also auch sich selbst die besten Schutzgöttinnen.

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