Sternstunde der Kammermusik zur Wiedervereinigung

Neue Westfälische

[...] Gibt es ein richtiges Komponieren im Falschen? Diese Frage, frei nach Adorno, drängte sich beim ersten Panoramamusikkonzert auf. Zur Feier der Deutschen Wiedervereinigung vor 25 Jahren hatten sich die Herren des Auryn-Quartetts (Köln) und die Damen des Klenke-Quartetts (Weimar) zu einem Konzert zusammengefunden, dass die deutsch-deutsche Problematik auf musikalischer Ebene behandelte.

Wenn Musik - nach romantischer Überzeugung - ein Spiegel der Umstände und der Befindlichkeit des Komponisten sein soll, dann müssen die "Fünf Sätze für Streichquartett" von Günter Kochan in entspannter Zeit entstanden sein. Es war aber 1961, Jahr des Mauerbaus, als der Professur an der Hanns-Eisler-Musikhochschule und vierfache DDR-Staatspreisträger diese Musik schuf, die an Bartók, an Schostakowitsch erinnerten und doch einen Individualstil erkennen ließ. Im Klenke-Quartett, das nach eigener Aussage lange nach einem "vom Regime unbefleckten" Werk gesucht hatte, fand Kochans Stück vehemente Interpreten, die mit rundem, vollem Klang diese überaus reizvolle Preziose präsentierten.

Der ehemalige Hochschulprofessor in Detmold und München, Günter Bialas, komponierte mit seinem Streichquartett "Assonanzen" 1986 ein Werk, das wie das dunkle Gegenstück zu Kochans Quartett wirkte. Statt fließender Entwicklung vernahm das aufmerksam lauschende Publikum einen stockenden, von herbem Klang geprägten Duktus, den das Auryn-Quartett mit sehnigem Spiel und messerscharfer Intonation auflichtete. Auch dies ein starkes, persönlich gefärbtes Stück, aber ein Spiegel der Zeit? So könnten die Jüngeren im Publikum, die Gnade der späten Geburt in Anspruch nehmend, die Älteren befragen: Waren die frühen Kohl-Jahre wirklich so schlimm? Oder ist Musik doch nur nach eigenen Maßstäben zu bewerten?

Schostakowitsch war ein Meister der Maske. Selbst bei seinem Präludium und Scherzo op.11, 1924/25 geschrieben, also noch vor der Zeit der Verstellung, um nicht Opfer Stalins zu werden, ist der distanzierte Sarkasmus des reifen Komponisten zu bemerken. Das Oktett fand hier zu einer bohrenden Intensität, zu der der glutvolle Ton von Primaria Annegret Klenke beitrug.

Primarius Matthias Lingenfelder übernahm in Mendelssohns Oktett mit feiner Intonation. Auch hier blieben sich die Quartette klanglich treu, die Auryns transparent, die Klenkes mit warmem Ton. Und doch war dieses Spiel von gleichem Atem und Puls geprägt. Beinahe ein Musterbeispiel dafür, wie man im Kollektiv aufgehen kann, ohne an Individualität zu verlieren.

Matthias Gans
10.11.15 Neue Westfälische

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