Radikaler Mozart

klassic.com | 03.01.2006

Klenke Quartett - Mozart Streichquartette 464/465

Mozarts sechs ‘Haydn-Streichquartette’ gelten zu Recht als Meilenstein der Kammermusik.

Zusammen mit Haydns sechs Quartetten op.33 gehören sie zu den herausragenden Werken der Klassik. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen hier auf beispielhafte Weise. Der unerschöpfliche Reichtum dieser Stücke spiegelt sich in zahlreichen Einspielungen der letzten Jahre. Immer wieder lässt sich Neues, Überraschendes entdecken.

Anfang 2005 hat das noch junge Weimarer Klenke-Quartett mit seiner ersten Mozart-CD Aufsehen erregt. Zum einen, weil das Quartett nur aus Frauen besteht, zum anderen, weil es Mozart verblüffend radikal interpretiert. Nach den ersten beiden ‘Haydn-Quartetten’ Mozarts folgt nun eine zweite CD mit den letzten beiden (Profil/Hänssler). Das Klenke-Quartett knüpft nahtlos an die kompromisslose Radikalität seines Mozart-Debüts an. Ungewöhnlich ernst und schroff wirkt das A-Dur-Streichquartett KV 464. Das Heiter-Verspielte und den warmen Ton des Talich-Quartetts (Calliope 1983) sucht man auf dieser Aufnahme vergeblich. Ebenso das federnd Tänzerische und die souveräne Gelassenheit des Alban-Berg-Quartetts (EMI 1990). Beim Klenke-Quartett ist Mozarts Musik vielmehr auf das Eigentliche reduziert – auf den nackten Notentext. Es ist außerordentlich spannend, aber auch anstrengend, den vier Musikerinnen auf ihrer Suche nach der musikalischen Wahrheit zu folgen. Sie scheinen permanent unter Strom zu stehen und ständig gegen Widerstände anzukämpfen. Im ‘forte’ klingt das Klenke-Quartett häufig forciert und wenig abwechslungsreich. Andererseits habe ich selten ein Ensemble erlebt, das die kontrapunktischen Finessen dieser Musik mit so eiserner Konsequenz freilegt. Die terrassenartig gestufte Dynamik passt dazu ebenso wie das eher sparsame Vibrato. Ähnliches gibt es zum ‘Dissonanzen-Quartett’ KV 465 zu sagen. Auch hier beeindrucken die glasklare Artikulation und die Fähigkeit, die den Sätzen innewohnenden Urkräfte zu mobilisieren. Die sensationelle Chromatik des Anfangs (daher der Name ‘Dissonanzen-Quartett’!) wird vom Klenke-Quartett nicht als Suche nach der geeigneten Tonart verstanden. Im Gegenteil: Die vier Interpretinnen betonen das Vorbestimmt-Schicksalhafte, das Unheil-Verheißende, das die gesamte Komposition überschattet.

Die Intentionen des Klenke-Quartetts werden durch das nüchterne, präzis ausbalancierte Klangbild im Allgemeinen sehr gut wiedergegeben. Höchste Bewertung für den Booklettext. Er vermittelt dem Leser – detailreich und anschaulich zugleich - das besondere Verhältnis Mozarts zu Haydn. Die Werkbeschreibungen sind äußerst hilfreich.

Felix Stephan

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