Mit dem Herzen denken

Das Orchester | 07-08/2007

Klenke Quartett - Mozart "Haydn-Quartette"

Vier coole, schwarz gekleidete Ladys blicken vom Cover, oder sie halten den Bogen mit gefährlicher Lässigkeit und lenken den Blick zum Boden: Das Klenke Quartett spielt Mozart. Auf der Rückseite der CD-Hüllen hängen die Kleider auf Bügeln bzw. vier Paar Schuhe stehen verlassen da. Es scheint, dass es auch ein davor und danach gibt bei diesem Ensemble, eine Profession und ein Leben, bei dem man aus der Konzertkleidung schlüpft und jemand anderer ist: Alle vier Musikerinnen sind jeweils zweifache Mutter und haben sich, wie sie in einem Interview freimütig bekannten, bewusst für diese Doppelrolle entschieden. Jetzt wurde das Klenke Quartett für seine Einspielung der Mozart-Werke KV 428 und 458 in Cannes mit dem Midem Classical Award ausgezeichnet. Es war nicht der erste Preis, mit dem dieses Ensemble geehrt wurde, aber sicher einer der werbewirksamsten.
Mozarts sechs „Haydn-Quartette“ gehören heute zu den meistgespielten Kammermusikwerken, die nach wie vor mit dem Nimbus des Besonderen behaftet sind. Dass diese Musik bei allen Geheimnissen, die sie in sich trägt, vor allem auch gemacht ist für vier Instrumentalistinnen aus Fleisch und Blut, die, wie Goethe durchaus richtig bemerkte, sich auf ihre Weise klug unterhalten wollen, das vermitteln die neuen Aufnahmen des Klenke Quartetts: Es teilt den Eifer anderer Ensembles um Originalität nicht und setzt dem musikalischen Effekt die Intelligenz und Gelassenheit des schönen Tons entgegen. Es gibt rauere Interpretationen. Wiedergaben, die glauben machen wollen, es ginge hier in jedem Takt um nichts anderes als die pure menschliche Existenz. Aber Mozart war nicht Schubert. Auch wenn er viel voraus ahnte, mit der Romantik und ihrer seelischen Aufgewühltheit konnte er wenig anfangen, wie man etwa aus seinem harschen Urteil über Abbé Vogler in Mannheim herauslesen kann.
Das Klenke Quartett holt den „Götterliebling“ von der Salzach quasi auf den Teppich des ungekünstelten, leidenschaftlichen Musizierens zurück. Nicht, dass die vier Damen nicht wüssten, was sie da spielen. Ihre Interpretation ist durchdacht. Aber es scheint, als würden sie eher mit dem Herzen denken – und das ist gut so. So haben diese Aufnahmen durchaus etwas Unspektakuläres in ihrer musikalischen „Denk“-Art, denn diese steht kaum im Vordergrund und führt nicht zu Verkrampfungen. Das macht diese Einspielungen so unglaublich sympathisch.
Matthias Roth

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