Ideale Balance von Intellekt und Gefühl

Thüringische Landeszeitung

Seit Jahren gehört das Klenke-Quartett zu den Kulturinstitutionen der Stadt Weimar, anerkannt und beliebt, viel beachtet und verehrt. In heute selten noch geübter Praxis verstehen es die vier Damen [...] den Hörern die Werke direkt ins Herz zu spielen. Sie kultivieren die lange Tradition des klassisch fundierten Quartettspiels, sie setzen auf einen in sich geschlossenen Gesamtklang und auf die Ausgewogenheit von führenden wie begleitenden Stimmen entsprechend ihrem Anteil an der inhaltlichen Gestaltung. Und sie beweisen stets ein sicheres Gespür für stilistische Merkmale, für die notwendige Transparenz des Spiels, für die Balance zwischen Intellekt und Gefühl. Das gerade ist zum Markenzeichen ihrer Interpretationskunst geworden: Nun war wieder einmal Gelegenheit, sich davon beim ersten Konzert der Reihe „Auftakt“ in der Jakobskirche zu überzeugen. Die Sicherheit des Auftretens, die Bewusstheit ihres Spiels hat offenbar einen Höhepunkt erreicht – ist es der Zenit? Die in letzter Zeit verstärkte überregionale Anerkennung könnte durchaus noch andere, tiefere Saiten zum Klingen bringen. Mit dem Programm hielten sie sich zunächst an ihre große Liebe. Von Haydn wählten sie eines aus den frühen „Sonnen-Quartetten“(C-Dur op. 20/2), mit dem er sich auf formale Experimente einlässt, bisherige Maximen über den Haufen wirft. Die Klenkes aber betonten die lebensfreudige, lebensvolle Seite der diversen Neuheiten, als seien sie lang verinnerlichte Normalität. Das 1993 entstandene Streichquartett Nr. 13 von Werner Wolf Glaser (1913-2006), einem nach der Flucht 1940 in Schweden lebenden deutschen Komponisten, kultiviert die Polyphonie eines Hindemith, findet kaum zu innerem Zusammenhang und vereinheitlich die Strukturen der vier Sätze – den Musizierenden blieb im Wesentlichen die Konzentration auf die Präzision der zerklüfteten Abläufe. Verdrängt vom Lauf der Geschichte wurden indes Karl Goldmark (1830-2015) und sein Streichquartett B-Dur von 1830: Im volksnah schwärmerischen Ton gehalten, erreicht es keinesfalls die Höhenflüge des Zeitgenossen Schumann, es vermag aber den Hörer gefährlich zu berauschen – und das versuchten die Klenkes mit vollem Engagement.

Hans-Jürgen Thiers
21.09.15 TLZ

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