Das Streichquartett als Drama

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Vier Musikerinnen aus Weimar, allesamt Absolventinnen der Hochschule „Franz Liszt“, lassen aufhorchen: Die Mozart-Einspielungen des Klenke Quartetts bringen Kritiker ins Schwärmen. In der Tat wird unter ihren Händen ein Streichquartett zum packenden Drama; mit einer verblüffend direkten Art fesselten die jungen Musikerinnen auch die Besucher des Bruchsaler Schlosskonzerts.

„Mozarts Themen haben es bereits ‚in sich‘; aus denen Haydns wird sich etwas entwickeln,“ konstatierte einst Mozart-Biograph Alfred Einstein. „In sich“ haben es auch die vier jungen Streicherinnen des Klenke Quartetts, die Mozarts Streichquartett Es-Dur KV 428 – eines jener sechs Quartette, die Joseph Haydn gewidmet sind – mit einer solch geballten Energie interpretierten, dass man als Hörer am Ende dieses Werks die komplette Bandbreite an Empfindungen und Erregungen durchlaufen hatte.

Was diese Themen an Aussagekraft im Kern „in sich“ tragen, das machen Annegret Klenke und Beate Hartmann (Violinen), Yvonne Uhlemann (Viola) und Ruth Kaltenhäuser (Violoncello) vom ersten Ton an hörbar. Da brechen flimmernde Bewegungen zu großen Linien auf – in einem runden, warmen Klang, der von allen ausgekostet wird. Da wird man zuerst in entrückte Sphären hineingezogen, und dann braut sich im nächsten Moment – etwa durch das resolut dazwischenfahrende Cello – eine Atmosphäre voll dichter, brodelnder Spannung zusammen: Es ist faszinierend, wie hier nicht Töne gesetzt, sondern Wege beschritten werden; wie man die Motive weitet und sie am Ende der Phrase abfängt, um genau an diesem Punkt die Energie für den nächsten Übergang, die nächste Bewegung aufzunehmen.
Kernstück dieses Es-Dur-Quartetts ist der zweite Satz. Mit seiner harmonischen Kühnheit überschreitet er die tonalen Grenzen seiner Zeit; er lässt  den Hörer stellenweise völlig im Ungewissen, manch einer hat aus diesem „Andante con moto“ bereits die Vorahnung zu Wagners „Tristan“ herausgehört. Für viele Zeitgenossen war dieser Satz schlicht „zu stark gewürzt“, und die Musikerinnen scheinen nun genau den Finger in diese „Wunde“ zu legen: Nach einem wunderbar luftigen Beginn wird der Satz konsequent an den Dissonanzen geschärft, man zieht die Strukturen regelrecht auseinander, bleibt dicht am Klang – als Hörer findet man sich stets an der Grenze zwischen changierenden Klängen wieder, die sich aneinander aufreiben.

Danach scheint alles möglich. Man gibt den Schönklang auf zugunsten der dramatischen Spielweise; man fällt sich energisch ins Wort, man unterbricht die sprechende Leichtigkeit und den lockeren Impuls mit abrupt auffahrenden Gesten. [ ... ]

www.prima-magazin.de 09.05.08

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