Nicht mal gegen Webern hegen sie Vorbehalte

Klenke Quartett in Schule

08.11.12 / TLZ / Wolfgang Hirsch

Herressen-Sulzbach. Punkt 20 vor 10 ist es mucksmäuschenstill in der Sulzbacher Turnhalle, tief im Weimarer Land. 100 Kinder - die ganze Schule - warten gespannt auf ihren Sitzbänken. Dann tritt das Klenke-Quartett auf, und der Applaus ist genauso wie bei einem Konzert für Erwachsene. Und genauso spielen die vier Frauen jetzt auch, einen Satz von Debussy. Nur danach ist alles anders. Beate Hartmann, die zweite Geigerin, stellt ihre drei Quartett-Schwestern vor und fragt, ob die Kinder überhaupt wissen, was das ist: ein Quartett? Klar, das ist eine Band für klassische Musik. Und die Instrumente kennen die Kinder auch. Beate erklärt, wie bei so einem Instrument überhaupt Töne entstehen. Sie verrät ein Geheimnis: dass der Bogen mit besonderem Pferdehaar bespannt ist, das aus der Mongolei kommt. Weil dort die Pferde so raue Haare haben. Dann demonstrieren die Vier, welchen Schabernack sie machen können. Ruth Kaltenhäuser, die Cellistin, spielt ein Gewitter. Die Primaria Annegret Klenke lässt ihre Geige wie ein Vögelchen zwitschern. Und die Bratsche, Yvonne Uhlemann, kann wunderbar seufzen. Am besten gefällt den Kindern "Tür auf - Tür zu". Glissando würde der Fachmann das nennen. Aber das ist hier Nebensache. Natürlich hat das Klenke-Quartett auch Musik im Repertoire, die jeder kennt. Etwa das "Kaiser-Quartett" von Haydn, das vor jedem Fußball-Länderspiel erklingt. Oder die Eurovisions-Hymne aus dem Fernsehen, die der Franzose Marc-Antoine Charpentier vor 300 Jahren komponiert hat. Und dann spielen sie noch ein Tischgespräch im Hause Johann Sebastian Bachs. Da reden die vier Stimmen zwar durcheinander, aber irgendwie doch organisiert. Es ist eine Fuge. Nach welchem Prinzip die funktioniert, probieren die Sulzbacher Kinder mit ein bisschen Hilfe selbst aus: indem sie einen Kanon singen

Bach ohne Pommes

Um Bach geht es heute eigentlich. Mit einem Zeitstrahl erläutert Beate, wann der Barock-Komponist gelebt hat. Dass es da noch keine Kartoffeln gab in Deutschland. "Könnt ihr euch ein Leben ohne Pommes vorstellen?" fragt sie. - "Jaaaa!", schallt es begeistert im Chor zurück. Ehe man sichs versieht, ist die erste Stunde zu Ende. "Schön war das", befindet der achtjährige Lorenz. Warum? "Manchmal schnell und manchmal langsam." Und "toll" sagt die sechsjährige Lydia. "Manchmal hoch und manchmal tief." Josi spielt sogar selbst ein Instrument, Akkordeon. Aber erst seit diesem Schuljahr.

Überhaupt sind die Sulzbacher eine "musikalische Grundschule". Das heißt, dass extra viel Musik im Unterricht eingesetzt wird. Es wird gesungen und getanzt - sogar in Mathe-Stunden. Beate weiß, warum: Es steigert die Aufmerksamkeit beim Lernen, und vieles geht leichter. Trotzdem war der Quartett-Besuch eine totale Ausnahme im Schulalltag. Weil die höheren Klassen im Januar das Bachhaus Eisenach besuchen dürfen, sind die vier Profi-Musikerinnen zu ihnen in die Turnhalle gekommen. Sie wollten den Ausflug inhaltlich vorbereiten. Den Besuch bei Bach sponsert Eckhard Gottschalk von der Frankfurter Bürgerstiftung. Er sichert auch die "Auftakt"-Konzertreihe in Weimar finanziell ab. Jede Saison spielt das Klenke-Quartett zwar auch Kinderkonzerte. In der Schule waren die Vier aber noch nie. Riesenspaß hats gemacht: die Neugierde der Kinder, ihre Aufgeschlossenheit. Yvonne lobt: "Die haben keine Vorbehalte, auch nicht ge­gen Anton Webern." Hatte der sich doch ins Programm geschmuggelt! Jetzt ist die Pause vorbei. Zweite Stunde. Annegret Klenke hat sogar Sechzehntel-Geigen dabei. Die passen in kleine Hände.


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